Das Freiheitsgefühl

Aus aktuellem Anlass schlage ich ein
produktives Pflichtjahr für jeden Spekulanten und Politiker
vor. Der populäre Philosoph R. D. Precht fordert ein soziales Pflichtjahr für Rentner. Diesen Vorschlag ergänze ich um die Personengruppen, die aus meiner Sicht einen Einblick in die Arbeitswelt am nötigsten hätten und die einmal selbst produktiv tätig sein sollten, bevor sie die Welt durch ihre nichtproduktiven Tätigkeiten beglücken.

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Auszug aus:

Das System Mensch
Konstruktion und Kybernetik des neuen ganzen Menschen

Berlin 2004. ISBN 3-00-012784-4

Pflichten und Freiheitsgefühl

Ursprünglich befindet sich der Mensch wie jedes andere Wesen in einem Netz von Beziehungen, die sein Verhalten steuern. Er lebt in einer Natur, die ihr Verhalten ständig ändert, mal ist es dunkel, dann wieder hell, mal ist es kalt, mal warm usw.

Er ist in eine Gesellschaft hineingeboren, seine Mitmenschen wollen etwas von ihm, man verlangt von ihm Rücksichtnahme, Einordnung, regelmäßige Arbeit, keine Gesetzesübertretungen. Diese Außensteuerung des individuellen Verhaltens durch gesellschaftliche Gebote und Verbote wird durch Regelkreise gesteuert, die Wohlverhalten belohnen und Fehlverhalten bestrafen. Die Sollwerte dieser Regelkreise sind im Individuum im sogenannten "Über-Ich" (Freud) verankert. Die Einhaltung dieser Sollwerte wird durch narzisstische Befriedigung in Form von Lob und Anerkennung belohnt, die Abweichung des Verhaltens von diesen Sollwerten wird durch Geld- oder Freiheitsstrafen sanktioniert. Oder durch ein schlechtes Gewissen und Selbstbestrafung. Darüber habe ich bereits alles gesagt (Zimmerman).

Es wirken also Kräfte aus der Natur auf ihn ein, die ursprünglich sehr stark waren, inzwischen sind diese weniger beherrschend, dafür sind die Forderungen seiner Mitmenschen mächtiger geworden. Diese äußeren Kräfte hat das Individuum als Über-Ich in seine Psyche integriert, er weiß, was von ihm verlangt wird. Daneben registriert er Triebkräfte, insbesondere die Kräfte, die von seinem Sexualtrieb ausgehen, und er ist Zwängen unterworfen, wie der Aufrechterhaltung seines Stoffwechsels (Atmung, Trinken, Essen). Diese Kräfte wirken aus seiner körperlichen Existenz, sie sind die Kräfte, die Freud als ES bezeichnet. Zum Glück ist der Mensch hinsichtlich seiner Atmung entlastet, da diese selbsttätig erfolgt. Um das Trinken und Essen muss er sich kümmern. Der Mensch ist also zunächst ein lebendes System, das innerhalb dieses Beziehungsfeldes oder der Kräfte, die auf ihn einwirken, reagiert. Noch anders:

Menschliche Regelkreise haben zwei variable Bedingungen: die erste Bedingung ist eine Veränderung der Umwelt, die zweite ein Bedürfnis, das befriedigt werden soll. Die Umweltveränderung ist beispielsweise ein einsetzender Regen, dann registriert der Mensch den Regen. Wenn er lieber im Trockenen sein will, geht er in sein Haus. Er könnte aber auch das Bedürfnis nach Trockenheit ändern und draußen bleiben. Faktisch steht der Mensch in einem Bedingungsgefüge. Vielleicht hat er als Bauarbeiter seine Arbeit zu verrichten. Dann muss er den Trockenheitswunsch beherrschen und weiterarbeiten. Zu dem Wunsch kommt also eine Verpflichtung. Auch diese basiert wieder auf einem Wunsch. Er benötigt Geld. Letztlich ist sein zu erwartender Hunger oder sein Drang nach einem Geschlechtspartner maßgeblich dafür, dass er im Regen weiterarbeitet.

Die Kräfte, die den Menschen in Bewegung setzen, kann man stets innen suchen, in seinen Bedürfnissen oder Wünschen. Der Widerstreit der Wünsche ist damit der Motor des Systems Mensch. Die Frage, welcher Wunsch stärker ist, bestimmt dann sein Verhalten. Ist sein Hunger nicht so schlimm, oder sein Verpflichtungsgefühl, wenn er beispielsweise eine Familie hat, vielleicht mag er Regen usw. usw.: entsprechend wird er handeln.

Sein Handeln ist dann das Ergebnis einer Rechenaufgabe. Das Umfeld gibt Zahlen vor, die Temperatur, den Regen, aber auch die Arbeitsstelle, den Chef, die Ehefrau, die auch etwas will. Hinzu kommen die Wünsche des Individuum und deren Bewertungen. In diesem Kräftefeld gibt es auch immer anziehende und abstoßende Kräfte, also Unangenehmes, das vermieden werden muss oder Angenehmes, das erlebt werden will. Das Ergebnis ist eine Handlung, die grundsätzlich vorausberechenbar ist. Wer die Wünsche und Wertungen des Individuums kennt, kann seine Handlungen berechnen. Die Werbung greift hier ein und erzeugt Bedürfnisse oder beeinflusst Bewertungen. Ziel der Werbung ist ja, das Verhalten des Umworbenen zu steuern.

Das Individuum Mensch ist also ein lebendes System, dessen Verhalten gesteuert ist. Es ist programmiert von Wünschen, Bedürfnissen, aber auch von äußeren Bedingungen, Wertungen, Gesetzen und Ereignissen.

Offensichtlich verfügt der Mensch auch für diese Situation über ein Sensorium. Er spürt diese Situation als Unfreiheit. Nicht nur das: er rebelliert gegen derartige Fremdbestimmtheit, er will sich von Fremdbestimmung befreien, will Freiheit und Selbstbestimmung.

Zum Menschen gehören also Bewusstsein und Selbstbestimmungswunsch, Freiheitswunsch. Die eben erwähnte Umwandlung von passivem Befriedigungserleben zu aktivem Genusserleben ist nur eine Variante dieser Umkehr der Verhältnisse von Fremdbestimmtheit zur Selbstbestimmung.

Rudi Zimmerman
Gesellschaftsphilosoph

Copyright Verlag Philosophie des dritten Jahrtausends Gabbert.
Nachdruck und Verbreitung, auch auszugsweise, mit welchen Medien auch immer, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags

Mit einem Klick auf diesen Text gelangen Sie zu einem Kurzvortrag Zimmermans über die Einordnung des Individuums in die Gesellschaft

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Biologisch besteht die Erdbevölkerung aus Horden schwer bewaffneter Affen. Kann die Evolution des Geistes diese zu einer Menschheit einen?

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Wie sich das Balzen beim Menschen zeigt

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Hier gehts zu einem Aufsatz über das Geistige, nämlich die Information und ihre Übermittlung. Die Informationstheorie der PhilS